Das Lexikon des Abnormalen: Van Gogh

Eine Revolution per Pinselstreich - so wird man Herr im eignen Reich

Eigentlich hättest du es schon früher ahnen können. Die Sonnenblumen. Die Vasen. Das Café. Ja, eigentlich hättest du es schon viel früher ahnen können.

Hast du aber nicht. Wie solltest du auch, als Waisenkind bei ignoranten Pflegeeltern hattest du weiß Gott anderes zu tun. Du bist mit deinen Kumpels um die Häuser gezogen. Die Markenklamotten habt ihr euren reichen Mitschülern abgezogen, denn Geld für so etwas Banales auszugeben, wäre auch bescheuert gewesen. Geld gibt man für Tins aus. Für diese kleinen Tuben voller Glückseligkeit, die aus einer tristen Unterführung die Höhlen des Bergkönigs machen, die rote Bahnwaggons zu chinesischne Drachen werden lassen und die den lächendelnden Sonnyboy auf dem überlebensgroßen Poster mit ein paar wohldosierten Strichen in einen gisteskranken Kobold verwandeln.

Als Sprayer hast du es schnell zur Berühmtheit gebracht. Echt, ein paar kleine Twitternachrichten, und schon kamen die Leute in Scharen. Weißt du noch, wie du in dem alten U-Bahn-Schacht den ganzen Tag gesprayed hast, die Decke voller Scheinwerfer, die Wände voller Boxen, Tresen mit den freakigsten Getränken (weißt du noch, die Aufschrift: Beat of the Beast? – geiles Zeug!) und heißen Mädels als Bedienung gemalt hast? Dann die Fahrkartenautomaten, die zu Käfigen gesprayed wurden, in denen berauschende Schönheiten tanzen. Und dann der Höhepunkt: Eine ganze Wand nur ein Panorama – Nirvana, mit Kurt Cobaine in der Mitte, eine Momentaufnahme von ihrem besten Konzert. Dann der Tweet und ab ging der Gig!

Beste. Show. Ever.

Doch Vorsicht, alles was du erschaffst verschwindet, wenn jemand deine Striche entfernt.

1-2

Was du malst, wird Realität. Male an eine Wasserpistole einen Abzug und mit etwas Mühe und Liebe zum Detail kannst du sie dann einfach wie eine Echte abfeuern. Mit weniger Mühe ist’s doch nur eine Schreckschusspistole. Die Vase neben dir wird mit einem angemalten Schlauch zu einem Feuerlöscher und der Apfel in deiner Hand… ein paar kleine kosmetische Veränderungen, und schon wird der Stengel zum Splint und der Apfel zur Handgranate.

3-4

Auch größere Bilder werden Realität. Male dir einen Weltraumanzug auf die Haut oder einen heftigen Motor auf deine Fahrradtaschen. Praktisch ist es etwa, wenn du gerade aus 2.000 Metern auf die Erdoberfläche zurast und Filzstift und einen Rucksack dabei hast, an den du eine Reißleine malen kannst. Was du mit einer Gummipuppe und einem Foto von Jessica Alba anstellst, bleibt dir überlassen.

5-6

Jetzt sind deiner Kreativität keine Grenzen mehr gesetzt. Du kannst Wände, Böden und Decken in fantastische Szenerien verwandeln. Das coolste ist: Du kannst sie sogar begehen! Auf zur Nashornsafari. Nein, ins Himalaya. Nein, auf die Brücke der Enterprise! Du musst nur aufpassen, dass niemand das Bild verändert, während du in ihm bist. Aber no risk, no fun.

Wie zerstört es mich?

Kampf

Du machst dir die Welt, wie sie dir gefällt. So einfach ist das. Mal gucken, wie dein Gegner aussieht, wenn du ein Fadenkreuz auf seine Stirn gekritzelt hast.

Flucht

Deine Malerei und deine Zeichnungen sind nur flüchtig. Sie verschwinden mit der Zeit. Solange du noch lebst, musst du dein Lebenswerk vollenden. Das kannst du nur in Ruhe, nicht in dieser Situation hier. Wenn du jetzt verschwindest, rettest du deine ganzen zukünftigen Meisterwerke für die Nachwelt.

Wie verändere ich mich?

Je mehr du malst, umso mehr wirst du dir deines Erbes bewusst. Du bist der geistige Nachfolger des großen flämischen Malers, der wie kein Zweiter die Kunstwelt verändert hat.

Daher kleidest du dich standesgemäß. Dein Strohhut ist dein Markenzeichen, dazu ein Flanellhemd in hellen Farben. Insgesamt machst du einen ärmlichen Eindruck, denn wahre Genies werden nur nach ihrem Tod berühmt, zu Lebzeiten aber verkannt.

Was werde ich?

Deine Fähigkeiten willst du in den Dienst der Kunst stellen. Seit Jahrhunderten malen die fähigsten Künstler Gemälde und formen Skulpturen. Du kannst diesen Kunstwerken Esprit einhauchen, das ist deine künstlerische Pflicht. Die Menschheit soll nicht nur sehen, sondern mit allen Sinnen wahrnehmen, was über Generationen geschaffen wurde.

Am Einfachsten ist es für dich, ins Museum zu gehen und die Gemälde zum Leben erwecken. Die Sonnenblumen von Van Gogh wiegen sich im Wind, die Hasen von Dürer hoppeln über die Museumsflure und der Schrei von Munch schallt durch die Säle. Auch die düsteren Bilder, das Jüngste Gericht von Hieronymus Bosch oder das klassische Gemälde des Sturms auf die Bastille von Houel sehnen sich danach, real zu werden.

Danach aber schaust du dich um. Überall befinden sich Statuen, Engel, Feldherren, Kaiser. Wenn sie durch die Luft fliegen oder auf ihren Streitrössern durch die Straßen galoppieren, dann ist das lebendige Geschichte! Hast du das Dinosaurierskelett im Naturkundemuseum gesehen? Du bist zum Schöpfergeist geworden.

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