Das Lexikon des Abnormalen: Zahlen

Deine Tage sind gezählt.

„Bingo!“ Es ist ein typischer Sonntag im Altenheim. Du sitzt bei deiner Großmutter in dem großen Aufenthaltsraum und hilfst ihr beim Bingo. Diese paar Stunden mit ihr sind immer sehr schön, besonders wenn sie dich immer mit „Da ist ja mein Glücksbringer!“ begrüßt. Du lächelst dann, umarmst sie und sagst „Schön dich zu sehen, Oma. Na, wollen wir den anderen mal wieder zeigen, wie man richtig Bingo spielt?“ Dein Blick schweift dann an die Wand, an der schon ein Dutzend Urkunden „1. Preis: Bingo!“ nebst einem Photo von euch beiden prangen. Viel mehr als diese netten Urkunden gibt die Heimleitung nicht aus, aber für deine Oma gibt es nichts Wertvolleres, als diese zeremonielle Urkundenüberreichung und das Posieren für das Photo.

Zahlen sind schon immer dein Ding gewesen. Du hast nie den Sinn von Taschenrechnern verstanden, denn wenn 352 * 746 = 262.592 sind, wofür braucht man da noch eine Maschine?

Du kennst einfach jede Zahl. Jede einzige. Jeden PIN-Code, jedes Schweizer Nummernkonto, jede falsche Buchposition bei der Steuererklärung. Du kannst einen 90-60-90 von einem 90-59-89 Körper unterscheiden und kennst all diese unwahrscheinlich langen Telefonnummern, mit denen du selbst den amerikanischen Präsidenten in seinem Oval Office erreichst. Die Abschusscodes von Atombomben, der Countdown einer Zeitbombe und den Kontostand von jeder Person.

Die Zahlen vom Bingo sind eine Leichtigkeit für dich.

Woher du diese Zahlen kennst? Das ist die falsche Frage. Denn woher wissen deine Mitmenschen, dass auf 459.690.854.436 459.690.854.437 folgt, obwohl sie noch nie zuvor an diese Zahlen gedacht haben? Man weiß es einfach.

Was kann ich tun?

1-2

Das Zahlenschloss am Fahrrad oder der Ziffernblock am Hauseingang stellen kein Hindernis für dich da. Da du die Buchungsnummern in den Hotels kennst, kannst du immer problemlos einchecken und übernachten.

3-4

Du kennst jede Durchwahl und erreichst so telefonisch jeden, den du erreichen wilst. PIN-Codes fliegen dir nur so zu und falls jemand so unvorsichtig sein sollte, als Passwort eine Zahl zu wählen, dann kannst du dich in jedes Netzwerk einklinken.

5-6

Auch die wirklich großen Zahlen sind kein Problem für dich. Besagte Abschusscodes der Atomwaffen, die Koordinaten eines Entführungsopfers oder die Lottozahlen stellen für dich keine Herausforderung mehr dar.

Es gibt Leute, die behaupten, unsere ganze Realität sei ein Computerprogramm und ließe sich daher als Folge von Nullen und Einsen darstellen. Sie sagen, man könne auf einem Bildschirm verfolgen, wie lange Zahlenkolonnen von oben nach unten laufen und dadurch alle Aspekte der „Realität“ wahrnehmen. Du brauchst den Bildschirm nicht, um den Binärcode zu lesen. Du kennst ihn.

Wie zerstört es mich?

Kampf

Zahltag, Baby! Wenn jemand die Rechnung ohne dich gemacht hat, dann musst du ihm klar machen, dass er nichts weiter als eine Nummer im System ist. Du wirst ihm das für immer klar machen, indem du ihm die Nummer einhämmerst. In seine Haut.

Flucht

Rundungsfehler, Vorzeichenfehler, es ist alles ein großer Fehler! Irgendwo hat sich ein Zahlendreher eingeschlichen, und du musst dich zurückziehen, um noch einmal in Ruhe bis 47.433.928.458 zu zählen.

Wie verändere ich mich?

Du murmelst Zahlen vor dich hin. Die Zahlen, die besonders schön sind (oder die so schrecklich gewesen sind, dass du dich ewig an sie erinnern musst) tätowierst du dir auf deinen gesamten Körper. Du zählst ununterbrochen an deinen Fingern ab, um ja keine Fehler zu machen.

Deine Sicht auf die Dinge verändert sich stark. Du siehst nicht mehr rot, sondern den Farbcode für rot. Du siehst nicht mehr einen schönen Teppich, sondern dessen Maße. Deine ganze Umgebung wird zu einem Zahlenchaos.

Was werde ich?

Je mehr du dich in deine Zahlenwelt vertiefst, umso deutlicher wird, dass irgendetwas nicht stimmt. In der großen Weltenformel, die du an die Wände deines Hauses geschrieben hast, sind einige Elemente nicht vorhanden, die es aber da draußen in der Wirklichkeit gibt. Die Formel ist richtig, also muss die Wirklichkeit ihr angepasst werden.

Es sind nur kleine Fehler. Hier ist ein Mädchen von einem Zugunglück verschont geblieben, obwohl es eigentlich gestorben wäre. Dort schreibt jemand einen Roman, der eigentlich nie geschrieben werden dürfte. Irgendwo lieben sich zwei, die sich hassen müssten. Es sind kleine Fehler, die du ganz einfach ausmerzen kannst.

Würde man meinen. Aber das Mädchen entkommt deinem Attentat, der Roman wird aus der brennenden Wohnung gerettet und die Verliebten überstehen jede noch so gut gesponnene Intrige. Du musst dich etwas mehr anstrengen, aber es ist alles nur eine Frage der Zeit, denn du bist der Primfaktor.

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5 Gedanken zu „Das Lexikon des Abnormalen: Zahlen

    • Gern geschehen! Die Einträge zu schreiben hat auch echt viel Spaß gemacht. Ob ÄÖÜ noch kommen? Das wohl eher nicht. Ich weiß noch nicht genau, ob und wie ich das Lexikon fortsetzen werde.

  1. Super Reihe🙂

    Jetzt fände ich einen Artikel über die Hintergründe spannend – von der Idee dazu über die Entwicklung der einzelnen Artikel bis zur weiteren Verwendung.

    • Uh, da gibt es nicht so viele Hintergründe. Ich suche mir ein interessantes Wort mit dem entsprechenden Anfangsbuchstaben und schreib drauf los.🙂

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