Das Lexikon des Abnormalen: Stasi

Selbst wann die Leute kackten, steht präzise in den Akten

Du kannst dich noch schemenhaft erinnern, wie früher alles plötzlich ganz schnell gehen musste. Dein Vater kam nach der Arbeit nach Hause, hat rumgebrüllt und dann die ganze Nacht Papier im Kamin verfeuert. Du kannst dich noch an sein vor Hitze und Zorn rotes Gesicht erinnern, wie es im Widerschein der Flammen leuchtete.

Einige Wochen darauf war er plötzlich verschwunden. Deine Mutter hat nur etwas davon erzählt, dass es ihm zu heiß geworden ist. Du hast gedacht, dass es mit dem Papierfeuer zusammenhing und er die Hitze auf der Stirn kühlen wollte. Den wahren Zusammenhang hast du erst viele Jahre später begriffen.

Viel später, als du die lockere Diele auf dem Flur, die Dienstwaffe im Wandsafe, das angemietete Lagerhaus und die einsame Holzhütte mit ihren in den Boden gegrabenen Löchern, in denen die Verdächtigen tagelang mürbe gemacht wurden, gefunden hast. Da wurde dir klar, dass dein Vater nicht Bauingenieur war, wie man dir immer erzählt hat.

Du hast dich in die Geschichte deines Vaters hineingesteigert, jedes Detail zum Vorschein gebracht und alle seine Methoden gelernt. Irgendwie hattest du Talent, oder es flog dir einfach zu, jedenfalls war die Vergangenheit deines Vaters trotz der verbrannten Papiere schnell enträtselt, ebenso die deiner anderen Mitmenschen. Deine Beziehung hast du abgebrochen, weil du den Seitensprung live mitgehört hast, dreißig Kilometer entfernt am alten Apparat deines Vaters.

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Du kannst auf einfache Stasi-Ressourcen zurückgreifen. In dem von dir angemieteten Lagerhaus finden sich in Akten alle nur leicht verdeckten Geheimnisse deiner Mitmenschen. Wer das Archiv pflegt? Verschlusssache. Ebenso ist Verschlusssache, wer alle Wohnungen der Stadt für dich verwanst hat.

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Du kannst auf weitere Quellen zurückgreifen. Selbst intime Details finden sich in deinen Akten und du kannst dir ziemlich sicher sein, dass zumindest eine Person in deiner Umgebung ein IM von dir ist.

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Deine Leute stehen jederzeit bereit, gerade außerhalb des Sichtfelds. Sie tragen billige Trenchcoats und fahren Trabbis und auf das Codewort hin greifen sie ein. Du hast schwarze Konten mit enormen Beträgen und die Presse druckt sowieso nur das, was du sie drucken lässt.

Wie zerstört es mich?

Kampf

Du operierst im Verborgenen, deine Anonymität ist dein größtes Gut. Wenn also die Gefahr besteht, dass jemand mehr Informationen über dich und deine Mitarbeiter (die du netterweise „Freunde“ nennst) hat, als es gut ist, dann musst du alles dran setzen, diese Quelle zu versiegeln.

Flucht

Der offene Konflikt fällt nicht in deinen Zuständigkeitsbereich. Du sammelst, koordinierst und überwachst. Dein Vater ist verschwudnen, und das tust du auch, wenn es zu brenzlig wird. Irgendjemand muss sich ja um die Akten kümmern.

Wie verändere ich mich?

Äußerlich bist du in den 80er Jahren stehen geblieben. Der Trenchcoat und der Hut sind dein Markenzeichen.

Je länger du aber dabei bist, die Welt staats-sicherer zu machen, umso mehr verändert sich dein Äußeres. An deinem Kopf wächst ein alter Kopfhörer zum Mithören aller Gespräche. Deine Lippen sind versiegelt, so dass deine Stimme nur leise und gepresst hervorkommt. Durch deine Augen sieht man in das riesige Aktenlager, das du aufgebaut hast und dessen gesamter Aktenbestand photographisch – nein, wie ein Mikrofilm – in deinem Kopf gespeichert ist.

Was werde ich?

Du kannst ja nicht überall sein. Das ist das Problem. Daher lässt du deine Inoffiziellen Mitarbeiter ein weit verzweigtes Netz aus Seilschaften knüpfen. Dank deiner Bespitzelungsmethoden hast du brenzlige Details und Photos von fast jedem Politiker. Deine Leute sitzen in den Konzernzentralen, an den Wertpapiermärkten und in den Entscheidungsgremien.

Was sie da tun? Sie kontrollieren und überwachen, damit alles geordnet und sicher funktioniert. Das einzige, was nicht funktioniert, sind ein paar merkwürdige Personen, die in deiner Abteilung als Personen mit „feindlich-negativen Kräften“ geführt werden. Du hast es dir persönlich zur Aufgabe gemacht, diese Personen zu überwachen und das Bedrohnungspotential, das sie darstellen, zu ermitteln.

Einige von ihnen sind dir bereits in die Hände gefallen. Gut, dass da noch die Hütte deines Vaters im Wald steht…

Du bist ein Operativer Mitarbeiter geworden.

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