Das Lexikon des Abnormalen: Rodeo

Der letzte Cowboy

Du bist im wilden Westen aufgewachsen, zwischen den Indianern und Kojoten, hast die Büffelherden gesehen, beim Eisenbahnbau mitgeholfen und dann eine Karriere als Rodeoreiter hingelegt. Von dem vielen Preisgeld hast du dir später deine eigene Pferderanch bauen lassen. Die indianischen Stammesführer kamen in ihrer ganzen bemalten Pracht zu dir und haben dich aufgefordert, zu gehen und diesen heiligen Ort zu verlassen. Das hat dich nicht beeindruckt. Du hast ihnen erst die kalte Schulter, dann den kalten Lauf deiner Winchester gezeigt.

Einige Nächte danach begann der ganze Hokus Pokus. Um die Farm herum flammten Buschfeuer auf und ein alter Indianer mit gegerberter Haut und kahlem Schädel hat dir mit brüchigen Worten mitgeteilt: „Du, der du den heiligen Ort beleidigst, sollst jeden Sommer zu ihm pilgern und ihm deine Ehre erweisen.“

Der vermeintliche Rest deines Lebens verlief dann ohne Zwischenfälle, bis du ergraut und in dem Schaukelstuhl auf deiner Veranda sitzend für immer eingeschlafen bist.

Immer war im nächsten Sommer vorbei. Du bist von der sengenden Mittagssonne aufgewacht, neben deinem alten Ranchhaus. Du warst wieder so jung, wie an dem Tag, an dem die Indianer ihre Show abgezogen haben. Deine Ranch war inzwischen eingefallen und leer. Du wusstest nicht, was du tun solltest, und bist hinausgezogen, die Welt kennen zu lernen. Deine erste Fahrt auf den alten Kontinent endete mit einer Havarie, aber pünktlich mit dem nächsten Sommer bist du wieder bei deiner heruntergekommenen Ranch aufgewacht.

Seitdem ziehst du um die Welt und pilgerst jeden Sommer zur Ranch. Die Indianerhäuptlinge von damals sind verschwunden, man hat ein Reservat errichtet, danach wurde eines dieser Spielcasino gebaut, das nur auf Indianerland legal ist. Genau an der Stelle, wo du immer aufwachst, befindet sich – und du hasst die bittere Ironie der großen Häuptlinge von einst – ein elektrisches Rodeo zur Belustigung des Publikums.

1-2

Du schießt schneller als dein Schatten. Auf deinen Pfiff hin kommt ein Pferd angetrabt, jederzeit und überall. Als perfekter Lassowerfer kannst du in Sekundenschnelle da hochklettern, wo du es hochwerfen kannst.

3-4

Halte dein Ohr auf den Boden, und du hörst alles in einem Umkreis von einigen 100 Schritt. Alles. Mit deinem Lasso fängst du jedes noch so massive Fortbewegungsmittel ein und bringst es zum stehen.

5-6

Der wilde Westen hält Einzug in deiner Umgebung. Irgendwo liegt immer Dynamit herum. Höher entwickelte Maschinen funktionieren nicht mehr, die Sonne blendet alle Greenhorns und die Indianer, sie kommen, um sich an dir und allen Weißhäuten zu rächen.

Wie zersetzt es mich?

Kampf

Du hast beim Rodeo nicht aufgegeben, bei den Indianern nicht nachgegeben, nie zurückgesteckt. Es gibt keinen Grund, jetzt damit anzufangen, wo du schlimmstenfalls nur wieder im Casino aufwachst.

Flucht

Ist es dein Kampf? Wirklich? Hat diese Welt heutzutage noch irgendetwas mit deinem wilden Westen zu tun? Nein, deine Zeit ist vorbei, deine Schlachten hast du geschlagen. Jetzt heißt es, in den Sonnenuntergang zu reiten.

Wie verändere ich mich?

Du trägst dein altes Outfit, dass sich schon bei vielen Rodeoturnieren als unverwüstlich erwiesen hat. Die Chaps, der Hut, das Lasso… das bist du. Du veränderst dich nur in den Augen deiner Mitmenschen, indem du dich nicht der momentanen Epoche unterwirfst, sondern stets das bleibst, was du immer warst: Aufrecht, die Freiheit im Herz und den Präriewind um die Nase.

Was werde ich?

Du hast es erlebt. Die Tötung der Bisonherden, der Indianerstämme, der kulturellen Wurzeln Nordamerikas. Man kann es Altersstarrsinn nennen, oder Naivität, aber du meinst zu begreifen, was in der modernen Welt falsch läuft. Der Mensch ist nicht mehr mit sich und seiner Umwelt im Reinen. Zügelloser Egoismus, mit seichter Unterhaltung betäubte Langweile und die aufgegebene Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz haben dazu geführt, dass der Mensch nicht mehr so hell und klar strahlt wie, ja, es die großen Stämme des Westens taten.

Nach unzähligen Erfahrungen mit den Abgründen der menschlichen Seele hast du es dir selbst auferlegt, der Menschheit den Pfad zurück zum Ursprung zu zeigen. Technik? Gehört zerstört. Autos? Sind zu verbrennen. Gebäude, Straßen und Brücken? Sie sind zu sprengen und dem Erdboden gleich zu machen, damit endlich allen klar wird, worauf es ankommt: Die Freiheit, in der Wildheit der Natur der Schmied des eigenen Glückes zu sein.

Du gleichst die Ungleichheit der Welt aus, die unterschiedlich gefüllten Bankkonten werden durch einen modernen Postkutschenraub geleert und das Geld virtuell verbrannt. Du hilfst den Menschen, frei zu sein.

Du bist zu einer Fackel der Freiheit geworden.

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