Das Lexikon des Abnormalen: Quecksilber

T-Träger als Hängematte

Die Fliege summt unglaublich nervtötend um die karge Lampe herum, die mit ihrem metallenen Lampenschirm die Zelle nur spärlich beleuchtet. Du liegst gelangweilt auf der elenden Eisenpritsche und bist in Gedanken bei der Frage, was zum Henker diesmal schief gelaufen ist. Du und Sergej, ihr seid problemlos in die Villa hineingekommen und mit deinem Geschick war der stählerne Tresor auch in wenigen Minuten aufgeschweißt. Das war dein erster Bruch gewesen, denn als Experte für Tresor- und Schweißtechnik hattest du eigentlich nie an eine Verbrecherkarriere gedacht, bis Sergej dich flehentlich bate… Der Schweißbrenner glühte noch, als das Heulen der Sirene schon zu hören war. Sergej ist stiften gegangen und dich haben sie geschnappt. Dreck.

Die Fiege summt weiterhin und regt dich richtig auf. Sie setzt sich auf den Lampenschirm und bleibt dort eine Weile. Drecksfliege. Dann schaust du genauer hin und siehst, dass sie losfliegen möchte, aber sie kann es nicht. Ihre Fliegenbeine kleben an, nein: in dem Lampenschirm. Im Metall. Langsam versinkt die Fliege mehr und mehr, bis ihr Körper komplett untergeht. Das einzige, was von ihr noch zu sehen ist, sind die Flügelabdrücke auf dem Metall. Sie sehen so aus wie Fossile.

Du springst auf, um dir das genauer anzuschauen. Merkwürdig, anscheinend hast du dich schon so an die Pritsche gewöhnt, dass sie dir nicht mehr so ins Kreuz geht. Du blickst dich um und siehst, dass sich in der Metallpritsche klar die Abdrücke deines Körpers befinden. So, als wäre es keine Metallpritsche, sondern eine luxuriöse Matratze.

Erst als du dich vor Schreck gegen die Zellentür lehnst und der Riegel wie ein Stück Brot abbricht, wird dir klar, dass dein Leben ab jetzt in ganz anderen Bahnen verläuft.

1-2

Du kannst Metall in deiner Umgebung wie Wachs formen. Metallene Türschlösser sind kein Problem mehr, und Pistolen machst du unschädlich, indem du die Läufe verknotest.

3-4

Metall wird in deiner Umgebung flüssig. Pistolensalven werden zu Regenschauern und Metallfußböden werden zu lebensgefährlichen Quecksilberseen. Dir selbst macht das Quecksilber nichts aus.

5-6

Das fließende Metall gehorcht nicht mehr nur der Schwerkraft, sondern auch deinem Willen. Es bildet Brücken oder eine extrem sichere Panzerung für dich. Deine Gegner werden von einer Schicht Metall überdeckt und ersticken qualvoll, wenn das Quecksilber durch die Nasenlöcher in ihre Lunge fließt.

Wie zersetzt es mich?

Kampf

Quecksilber ist aggressiv, ist giftig, und so wirst auch du, wenn man dich reizt. Dann kennst du kein Erbarmen und erfreust dich an jeder Gürtelschnalle, die in die Weichteile deiner Opfer fließt.

Flucht

Quecksilber ist immer in Bewegung, nimmmt den Weg des geringsten Widerstandes und verschwindet im Abfluss. Standhaft sind andere Metalle.

Wie verändere ich mich?

Das erste Anzeichen ist immer die quecksilberfarbene Iris. Dann wird dein Haar glänzend gräulich und fließt mehr, als dass es fällt. Du kannst es so leicht formen wie Wachs, es in eine beliebige Länge ziehen und machst dir je nach Laune die abgedrehtesten Frisuren.

Aber auch vor deinem Charakter macht das Quecksilber nicht halt. Du wirst giftig und musst dich beherrschen, um nicht zu jedem und jeder Sache einen bissigen Kommentar abzugeben. Auch deine Nervosität, die Unstetigkeit nimmt zu, denn es fällt dir schwer, längere Zeit an einem Ort zu bleiben.

Was werde ich?

Deinen Job bist du natürlich los, denn mit der Vorstrafe stellt dich keine Sicherheitsfirma mehr ein. Mit deinen neuen Fähigkeiten ist dir aber auch kein Tresor mehr gewachsen. Die Sicherheitsdrähte in den Tresortüren biegst du einfach zur seite, bevor du die Bolzen mit dem kleinen Finger aus der Verriegelung krazt. Einmal Verbrecher – immer Verbrechen. Dein Anteil an der Beute steigt, denn wer wollte sich dir widersetzen?

Allerdings hat dein neues Leben auch viele Schattenseiten. Du musst auf Distanz zu Familie und Freunden gehen, um sie nicht schleichend durch das Quecksilber zu vergiften. Daher hast du dir ein Loft in einer alten Fabrikanlage eingerichtet und schläfst gemütlich in einem Doppel-T-Träger, den du zur Hängematte umfunktioniert hast.

Später hast du mitgekriegt, das Sergej nicht Sergej hieß und für die Polizei arbeitete. So ein Drecksack von Polizeispitzel. Hätte er dich nicht zu dem bescheuerten Einbruch angestiftet, wäre dein Leben normal verlaufen und du müsstest nicht Sicherheitsabstand zu allen Freunden halten. Alles nur, weil ‚Sergej‘ einen weiteren schönen Erfolg in seiner Arschkriecher-Dienstakte haben wollte.

Dreckspolizei, die normale Leute zu Straftaten anstiftet und somit die Kriminalität selbst heranzüchtet. Ohne sie wäre die Gesellschaft besser dran. Daher entschließt du dich, aufzuräumen. Nachts befreist du die Gefangenen, lässt Dienstwaffen schmelzen und deine giftige Wut macht vor keinem Polizeifahrzeug halt.

Du bist zu einem toxischen Terror geworden.

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