Das Lexikon des Abnormalen: Normung

Vermessen und verloren

Die Jahre als Sachbearbeiter am Deutschen Institut für Normung e.V. haben dich geprägt. Wenn du eine Sache anschaust, fallen dir fast immer die richtigen DIN-Normen ein. Mit deinen Augen kannst du Millimeter abmessen, mit deinen Händen Milligramm abwiegen. Berufskrankheit nennt man so etwas.

An einem Samstag wolltest du den Rasen mähen, als auf einmal ein ordentlicher Regenschauer begann. Du dachtest dir, gefangen im Trott deines Jobs: „So geht das aber nicht! Die Regenzeiten können doch nicht willkürlich angeordnet sein. Da muss ein System für erdacht werden. Solange ich das System noch nicht auf meinem Schreibtisch habe, wird hier garnichts geregnet.“ Dann hörte der Regen schlagartig auf. Du warst irritiert und wundertest dich: „Was für ein merkwürdiger Zufall. Der Regen braucht doch nicht genormt werden, dafür ist jedenfalls das Institut nicht zuständig.“ und voilà, der Regen prasselte weiter auf deinen Rasen ein. In dem Augenblick wurde dir klar, dass du in der Lage wärst, noch völlig andere Dinge zu normen.

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Die Grünphasen der Ampeln, plötzliche Wetterumschwünge und Irrwege in Katakomben – alles wartet auf einmal darauf, von dir durchdacht und nach deiner Vorstellung verändert zu werden.

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Gegnerische Feuersalven, Patrouillen und Sicherheitssoftware gehören auf einmal auch zu deinem Kompetenzbereich.

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Sollbruchstellen in Türen und Wänden, Materialermüdung bei Brücken und Tunneln und die Lenkung von Vogelschwärmen und Tierherden sind nur einige der Bereiche, für die du Standards setzen kannst. Wer die Normen des gesellschaftlichen Umgangs setzen kann, ist immer in der stärkeren Position.

Welche Artefakte können bestehen?

Zu Beginn deiner Tätigkeit am dt. Institut für Normung hast du einen Stempel erhalten, „GENEHMIGT“. In diesem Stempel könnte deine Kraft gebunden sein. Was mit deinem Vorgänger passiert ist, konntest du leider nicht mehr erfahren. In den Akten steht, dass er in den „Normenausschuss Insomnia“ gewechselt ist, welcher für die „Reglementierung von Schlaflosigkeitsphänomenen“ zuständig ist.

Wie verändere ich mich?

Auf deiner Haut bilden sich Tättowierungen, die wie Zentimetermaße, Umrechnungstabellen und statische Berechnungen aussehen. Diese Muster ragen aus deinem Hemdkragen und an den Ärmeln deines Jacketts heraus. Du kleidest dich äußerst korrekt, aber sehr unauffällig. Ohne die Tättowierungen würdest du dich nahtlos in das Grau des Alltags einfügen.

Was werde ich?

Irgendwann setzt du dich an deinen Schreibtisch und beschließt, ein für alle Mal die Vernormung der Welt vorzunehmen. Nicht, weil du gegen Vielfalt und Überraschungen bist, sondern wegen der Sicherheit. Denn darum geht es bei aller Normierung, bei allen Standards: Dass die Produkte so gut vordefiniert sind, dass Fehler (die leicht zu Todesfällen führen können) faktisch nicht mehr auftreten.

Von deinem Schreibtisch aus bahnen sich deine Tätowierungen ihren Weg in die Welt. Wie Wurzeln wachsen die Maßbänder von deinen Fersen in den Boden und hinterlassen ihre gleichförmigen Striche und Zahlen. Trifft eine solche Wurzel auf etwas, dass nicht der Norm entspricht, etwa eine alten Straßenlaterne, so sägen die Millimeter, diese kleinen Striche, so rasend schnell an der Straßenlampe, dass die Laterne in Windeseile die Standardform hat. Säulendiagramme galoppieren wie wahnsinnige Reiter durch die Gegend und wehe, ein bienenschwarmartiges Punktdiagramm trifft auf einen Punk – er wird durchlöchert und sinkt leblos zu Boden. Und von fern schallt der Sinuston der Glockenkurve.

Du bist zu einem Zernormer des Lebens geworden.

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