Das Lexikon des Abnormalen: Joint Venture

Ich werd hier mal Gras anpflanzen, dann müsst ihr nach meiner Pfeife tanzen!

Kennst du das, wenn du genüsslich an einem Joint ziehst und die Umgebung auf einmal viel harmonischer, langsamer und entspannter ist? Das krasse ist: Bei dir ist die Umgebung harmonischer, langsamer und entspannter, so als ob nicht nur du, sondern auch jeder andere um dich herum eine Tüte geraucht hätte.

Seit wann genau das so ist, kannst du naturgemäß nicht sagen – du warst wohl bekifft. Es muss aber irgendwas mit dem städtischen Jugendclub zu tun haben, in den du damals immer gegangen bist… er hieß „Gemeinsam sind wir stark“ und irgendjemand (vielleicht warst du das, aber die Erinnerung ist etwas vernebelt) hatte dahinter „bekifft“ geschrieben. Heute ist der Club zugenagelt, denn da sich dein Gesundheitszustand auf die Umgebung übertragen hat, war der Club erst die Kifferhöhle schlechthin und später polizeilich zugesperrt.

Der Einzige, der immer nüchtern blieb, war der Streetworker, der euch Kids betreut hat. Shit, vielleicht hat der dir den ganzen Kram auch eingebrockt. Der Typ ist früher auch ein Junkie gewesen, war in Woodstock und ist im Sommer immer mit so ein paar anderen Hippies im VW-Bus durch Südeuropa gefahren. Vielleicht hättest du nicht „Friß Blumen, Regenbogenpisser“ auf sein Auto sprayen sollen. Shit, wenn der Typ bloß noch da wäre.

1-2

Du kiffst, und alle anderen sind auch bekifft. Damit machst du dir schnell Freunde, und selbst die Bullen lassen dich in Ruhe. Dieselbe Wirkung entsteht bei Alkohol und Nikotin.

3-4

Wenn du dich konzentrierst, kannst du die negativen Auswirkungen für dich minimieren – Jackie Chan nennt das: Drunken Master.

5-6

Deine Gefühle übertragen sich auf die Umgebung. Das ist ziemlich rockig, um eine Party (oder Kneipenschlägerei) zu starten, aber leider katastrophal, wenn du dann flirten möchtest: Die Person wird sofort zum allgemeinen Objekt der Begierde.

Wie zersetzt es mich?

Kampf

Ein Joint macht dich schmerzunempfindlicher und führt massiv zur Selbstüberschätzung. Die besten Voraussetzungen für desaströse Entscheidungen.

Flucht

Wie willst du einen Gegner treffen, wenn der Boden schwankt, du alles doppelt und in den irrsten Farben siehst? Außerdem projeziert dein Unterbewusstsein andauernd schreckliche Dinge in dein Blickfeld. Nichts wie weg hier.

Welche Artefakte könnten bestehen?

Der Club. Es war definitiv der Club. Wenn noch einmal dieselben Umstände – Punkrock, Abiparty und eine frische Lieferung aus Holland – an diesem Ort zusammen kommen, ist der Spuk dahin. Oder er überträgt sich. Egal, du wärst ihn los.

Wie verändere ich mich?

Zuerst hast du versucht, deine Abhängigkeit in einer anonymen Selbsthilfegruppe zu besiegen. Da aber ein Rückfall von dir zu einem Rückfall für die ganze Gruppe geführt hat, hast du das gelassen.

Dein neuer Weg heißt Askese. Du isst nur noch wenig, bleibst abstinent und versuchst so, deiner Umgebung so wenig Schaden zuzufügen, wie es geht. Du wirst beeindruckend gut darin, die Haltung zu wahren, denn wenn du panisch wirst oder ausrastet, dann drehen die Leute um dich herum auch durch. Dein Gesicht wird zu einer Maske, unter der es brodelt, deine Hände sind so ruhig, weil du dir die Fingernägel in die Haut presst.

Freunde hast du eigentlich keine, denn Askese bedeutet Nüchternheit und Stille.

Was werde ich?

Keine Freunde? Doch wohl nur, weil du nicht freundlich bist! Als diese Einsicht zu dir durchgedrungen ist, hast du den ganzen Askese-Quatsch über den Haufen geworfen. Je geiler du dich findest, umso geiler bist du. Das ist mal ein Motto!

Nie hast du so wilde Orgien gefeiert, so viel Macht über andere Leute gehabt. Wenn dich jemand anpisst, dann sammelst du auf der Straße genug Leute ein, um den Pisser mit einem Lynchmob fertig zu machen. Für deine Gelage reisen Leute aus der ganzen Welt an.

Finanziell hast du auch ausgesorgt, seitdem du zur Börse gegangen bist und die Aktien gekauft hast, die dir gefallen haben – sofort gefielen sie auch den anderen Brokern, die Kurse sind gestiegen, du hast verkaufst und voilá, Selfmademillionär.

Du bist zu einem Meister der Massen geworden.

Dieser Beitrag wurde unter Lexikon veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s