Das Lexikon des Abnormalen: Gorleben

X - Ich stelle mich quer. Was mir passiert, schaut her!

Du kannst dich noch genau daran erinnern, wie du als Kind an der Hand deines Vaters gegen die Castor-Transporte demonstriert hast. Er meinte immer, in der DDR sei Unrecht totgeschwiegen worden. Deshalb ist er auch mit dir in dem Westen geflohen.

Als das Abitur gerade vorbei war, hast du mit ein paar anderen Radikalen festgestellt, dass passiver Widerstand nicht genügt. In einer Nacht- und Nebelaktion seid ihr mit selbstgebautem Sprengstoff in die Lagerstätte, in die Grube eingedrungen. Aber dann ging das irgendwie nach hinten los: durch die Explosion ist ein Teil des Salzstocks eingebrochen und nur durch ein Wunder hast du überlebt. Eingeschlossen, und überall lagen geborstene Fässer.

Du bist dann irgendwie herausgekommen, nach Tagen. Durch den Salzstock. Durch das Erdreich. Hindurch.

So wirklich begreifen tust du es nicht, aber die Strahlung hat die Moleküle deines Körpers verändert.

1-2:

Du kannst die Masse deiner Moleküle verändern. Dadurch sind extrem weite Sprünge möglich. Und auf Demos kann dich niemand wegtragen.

3-4:

Du kannst die Lichtdurchlässigkeit deiner Moleküle verändern und damit durchscheinend werden.
Du kannst auch deren elektromagnetische Bindung verändern und damit größer oder kleiner werden.

5-6:

Du kannst die Abstoßung deiner Moleküle verändern und so durch solide Gegenstände hindurchgleiten bzw. -greifen.

Welche Artefakte könnten bestehen?

In erster Linie ist es ein einzelnes Fass in Gorleben, dass diese spezielle Art der Strahlung absondert. Würde man diese Strahlung einfangen, polarisieren, und dich erneut mit ihr in Kontakt bringen, wären deine Fähigkeiten dahin.

Wie zersetzt es mich?

Kampf

In dir steckt weiterhin ein widerspenstiger Geist. Sieht man nicht an dir selbst, wozu Unrecht führt? Dein Vater hätte nicht gewollt, dass du vor Ungerechtigkeit davon läufst.

Flucht

Du bist etwas Besonderes. Und weiß man nicht, was mit besonderen Personen passiert? Sie werden untersucht, seziert, in Gefängnisse gesteckt. So wie dein Vater in der DDR. Also nichts wie weg!

Wie verwandle ich mich?

Die Veränderung deiner Moleküle kannst du immer schwerer beherrschen. Es sind eher Mutationen, die deine Arme spontan doppelt so lang werden lassen.

Für dich wird der normale zwischenmenschliche Umgang immer schwieriger, denn es ist schwer zu erklären, warum du momentan nicht auf dem klapprigen Stuhl sitzen kannst oder der Haltegriff in der U-Bahn dir keinen Halt gibt.

Aber zeigt dein Unfall nicht gerade, wie gefährlich die Atomenergie für die Menschen ist? Du musst deine Mitmenschen wachrütteln, ihnen zeigen, auf welche Katastrophe sie zusteuern.

Was werde ich?

Du suchst immer häufiger die Einsamkeit, die Einöde, um deine Mitmenschen nicht zu verschrecken. Deine Größe ist mittlerweile auf 4 Meter angewachsen und du musst dich konzentrieren, um eine gewöhnliche menschliche Silhouette aufrecht zu erhalten.

Außerdem schmerzen die Mutationen mehr und mehr. Mit riesigen Sprüngen – bei 5 KG Gesamtgewicht und deiner Muskelmasse kein Problem – läufst du nachts in das einzige Gebiet, dass dir noch Linderung verschaffen kann. Als du das Sperrgebiet und den Sarkophag um das zerstörte AKW in Tschernobyl erreicht hast, bist du weit und breit die einzige lebende Kreatur. Endlich kannst du verschnaufen und brauchst dich nicht verstecken.

Nur wenn der Castor-Transport wieder rollt, machst du dich auf in deine einstige Heimat, um zu verhindern, dass diese zerstörerischen Behälter ihren Zielort erreichen. Aber du merkst, du kannst nicht mehr viel erreichen – zu selten sind die Momente, in denen deine Moleküle fremde Moleküle abstoßen, das heißt in denen du noch fremde Gegenstände bewegen kannst. In dieser Halbwelt, in der du dich befindest, meinst du die Stimmen deiner einstigen Mitstreiter zu hören, tief unten im Stollen.

Du bist zu einem nuklearen Ernstfall geworden.

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4 Gedanken zu „Das Lexikon des Abnormalen: Gorleben

    • Hey Flo, danke! Ich habe festgestellt, dass die Downloadmöglichkeit eher selten genutzt wird. Da es für mich zusätzlichen Aufwand macht, den Eintrag als pdf zu layouten, habe ich darauf verzichtet. Falls ich aber nach meinem momentanen Projekt Zeit dafür finde, werde ich auch die nächsten Einträge zum Download anbieten!

  1. Wirklich sehr nett!
    Vielleicht kannst du die pdfs jeweils am Ende eines Jahres zusammenfassen und als „Lexikon des Abnormalen Vol.1“ veröffentlichen.

    Ansonsten weiter so! Ist ein echtes Lesevergnügen…
    Wendigogo

  2. Kaum 2 Jahre später. Also ich mochte ja die Downloadlinks immer sehr gerne. Und natürlich wäre mir ein Lexikon als PDF oder noch besser in gedruckter Form am liebsten.🙂

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